Schwabenkinder

der Text zum Thema

Schwabenkinder nennt man die Kinder aus Tirol, Vorarlberg, Liechtenstein und der Schweiz, die während des Sommers in Oberschwaben und im Allgäu auf Bauernhöfen und in Bürgerhäusern vom Beginn des 17. Jahrhunderts bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts  arbeiten mussten. Alljährlich wanderten hunderte, zeitweise sogar mehrere tausend Kinder und Jugendliche in das Bodenseegebiet, wo vom Frühjahr bis in den Herbst Mangel an Arbeitskräften herrschte. In den Großfamilien der verarmten Alpengebiete war man froh wenn Kinder und Jugendliche im Schwabenland und im Allgäu  als Mägde, Knechte und Dienstboten von Josefi (19. März) bis Martini (11. November) eingestellt wurden, hatte man doch während dieser Zeit  weniger Esser am Tisch.

Auch hier in Schnann  traf dieses Schicksal viele Kinder, die sich den vorbeiziehenden Schwabenkinderhaufen aus dem Vinschgau und dem Oberen Gericht anschlossen. 

1891  konnte der in Schnann eingestellte Pfarrdefizient Venerand Schöpf  der Not der Schwabenkinder nicht mehr zusehen und gründete mit Hilfe des Pettneuer Bürgermeisters und Abgeordneten zum Tiroler Landtag, Josef Anton Geiger , den
Hütkinderverein  zum Wohle der Schwabengeher. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hütkinderverein, der von Geistlichen des Bezirkes geleitet wurde, achteten darauf, dass die Kinder auf dem Hin- und Rückweg ins Schwabenland gut betreut, während ihrer Dienstzeit gut behandelt und am Ende gerecht entlohnt wurden. 

Franz Kurz , der 1846 als Sohn des Gerbers Franz Kurz und dessen Frau Maria Anna Platt in Pettneu geboren wurde, schreibt über seine persönlichen Erfahrungen als Schwabenkind im Buch Verkehrs-Geschichte des Arlberg: „Völlig etwas unternehmend veranlagt, wollte ich 12jähriger Franzl im Frühjahre 1858  auch mit anderen Schulkindern in das Schwabenland gehen, um ganz besonders zu Hause dem verhaßten Wurzelklauben in der Furche hinter dem Pfluge zu entkommen. Konnte ich in Schwaben doch einen Lohn in Baarem und hohe Stiefel verdienen und nebenher noch Schwäbisch lernen.“ Franz Kurz, der den beschwerlichen Weg ins Schwabenland aus ganz anderen Gründen als es der Großteil der anderen Schwabengeher auf sich nahm, ist nach einem guten Sommer im Schwabenland auf dem Heimweg bei Stuben in einem Schneesturm beinahe umgekommen.

In einer weiteren Passage in der Verkehrs–Geschichte des Arlberg  von Franz Kurz können wir über seinen Weggefährten Caßl lesen: 

„Caßl, ein kleiner Auswanderer nach Schwaben, glaubte in dem 6/8 rhythmischen Gepolter der Stämpfe einer Dorfmühle im Stanzerthale den Warnungsruf zu vernehmen: „Caßl, kehr um! Caßl, kehr um!“ Caßl wurde darüber sehr bedenklich, bestieg aber dennoch den Arl und versicherte sich bei St. Christof einer Reliquie. In einem Dorfe des Klosterthales hörte er wieder ein solch ominöses Gepolter und zwar diesmal mit dem Schreckensruf: „Gehst außi, bist hin“ (todt) Gehst außi, bist hin!“ und Caßl kehrte eiligst um zur Mutter.“

Wandert man den Schwabenkindern gleich durchs Stanzertal dem Arlberg zu, kommt man in Pettneu an der Volksschule vorbei, an deren Nordseite ein über 4m hoher Banner angebracht ist, auf dem eine kolossale Christophorusstatue  abgebildet ist. Dieses Abbild zeigt jene Statue in Originalgröße, die bis zum Brand des Arlberg Hospizes 1957  in der Kapelle des Arlberg Hospizes stand, und aus der fahrendes Volk wie auch die Schwabenkinder Holzspäne herausschnitzten und in ihren Taschen gegen das Heimweh verwahrten.

Die Birklbrüder aus St. Anton

Mit seinen Brüdern Franz Xaver (1899 - 1910) und Josef (1895 - 1916) zählte Rudolf zu den letzten Buben vom Oberdorf, die ins Schwabenland gezogen sind. Alle drei waren Söhne des Wegmachers Josef Birkl (1865 - 1928) und der Theresia Nigg (1863 -1950). Sie sind im Waldhäusli zur Welt gekommen. Vater Josef Birkl  wurde „der blinde Sattler”  genannt, weil er im Jahr 1902 erblindete und den Wegmacherposten im „Adlerwald” (=Arlwald) aufgeben musste. Die Familie zog herab ins Oberdorf Nr. 84, wo die Nachfolger der Familie heute leben. 

Franz Xaver starb nach kurzem, aber schwerem Leiden in Tettnang, wo er bei einem Bauern gearbeitet hatte. Rudolf war als Schwabenkind bei einem Bauern in Sonthofen im Oberallgäu. Von dort schrieb er eine Karte nach Hause, auf der er mit einer Ziege abgebildet ist:

 „Liebe Eltern!
Ich will Euch einmal einige Zeilen schreiben. Ich bin gesund, was ich auch von Euch hoffe. Die Franzelina hat mir auch einmal geschrieben. Wir haben immer schlechtes Wetter. Da ist mein Milchfuhrwerk auf dieser Karte, ich bekomme solche Karten. Schreibt mir auch einmal.
Es grüßt Euch
Euer Sohn Rudolf.“

Einige dieser jungen Wandersklaven, wie sie von sozialkritisch Denkenden auch genannt wurden, haben aus eigener intellektueller Kraft in die Literatur zu diesem Kapitel der alpenländischen Geschichte gefunden. Von ihnen und anderen Bezügen unseres Heimatortes zum Thema Schwabenkinder kann der geschätzte Leser beim Besuch des KUNSTRAUM Pettneu  und des Heimatmuseum St. Anton  mehr erfahren.